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„Theoretisch ist ein erneuter Engpass nicht auszuschließen“

Goldreporter sprach am vergangenen Freitag mit Wolfgang Wrzesniok-Rossbach, Chefhändler beim Barrenhersteller Heraeus. Das Thema: Der dramatische Angebotsengpass bei Gold und Silber im Winter 2008/2009 und die Möglichkeit erneuter Lieferprobleme bei Anlageprodukten in Deutschland.


Herr Wrzesniok-Rossbach, Ende 2008/Anfang 2009 kam es in Deutschland zu einem ernsten Lieferengpass bei Gold- und Silber-Anlageprodukten. Die Scheideanstalten konnten die Nachfrage nur mit großer zeitlicher Verzögerung bedienen. Wie hat Heraeus hinsichtlich zukünftiger Produktionsengpässe z.B. in Sachen Kapazitätsausbau reagiert? Sind neue Produktionslinien eingerichtet worden?
Es gab bei uns keinen Kapazitätsausbau. Wir stellen die Barren in einem Ein-Schicht-Betrieb her. Damals haben wir in unserer Scheideanstalt teilweise mit einem Drei-Schicht-Betrieb reagiert. Diese Option steht uns jederzeit wieder offen. Zuletzt waren wir wieder bei einem Ein-Schicht-Betrieb und selbst dieser war nicht ganz ausgelastet.

Haben Sie jemals über den Ausbau von Produktionslinien nachgedacht? Das hätten sich seinerzeit viele Händler gewünscht, weil es trotzdem zu sehr langen Lieferzeiten kam. Oder lohnt es sich aus Ihrer Sicht schlichtweg nicht Kapazitäten nur für Stoßzeiten auszubauen?
Ja, genau. Das ist die andere Sichtweise. Dieser schließt sich Heraeus auch an. Soweit wir zurückdenken können, war das damals eine einmalige Situation. Wir haben auch jetzt anders reagiert. In der letzten und vorletzten Woche haben wir schon unsere Vorräte aufgebaut. Zufall oder Ahnung, was auch immer. Im Moment sind wir deshalb lieferfähig. Das ist eine Variante, wie man reagieren kann, ohne gleich in Produktionskapazitäten zu investieren. Außerdem stellen wir auch in Hongkong Barren her. Auch vor zwei Jahren haben wir Kilobarren von den Kollegen hier nach Europa geholt. Das ist normalerweise nicht der Fall. Wir stellen die Barren, die wir hier verkaufen, auch in Europa her.

Wo beziehen Sie Ihre Rohstoffe her?
Wir legen bei Heraeus keinen großen Fokus auf Silber. Was das Gold angeht, so haben wir schon ein erhebliches Aufkommen an Altmetall. Das können Münzen, alter Schmuck oder auch Barren sein, die man nicht mehr verkaufen kann. Traditionell spielt auch das Material das aus Minen kommt eine große Rolle.

Von einem konkreten Händler wissen wir, dass es kürzlich zu Verzögerungen bei der Auslieferung von Silberbarren seitens Heraeus kam. Die Barren sollten aus Scheidgut hergestellt werden. Kennen Sie die Ursache für verlängerten Lieferzeiten?

Mit der Frage des Scheidgutes hat das sicher nichts zu tun. Das Scheidgut muss aufgearbeitet werden. Das dauert relativ lange, aber eher Tage, als Wochen. Wenn es jetzt dringend wäre, Material in Rohform zu bekommen, dann würde man Granalien oder große Barren kaufen und die entsprechend umwandeln. Es gab aber bei den Silberbarren keine größeren Verzögerungen. Wir sind die ganze Zeit lieferfähig. Zu ihrem konkreten Beispiel kann nichts sagen. Da ist so viel Metall in der Pipeline. Es kann sein, dass dieser Händler mit einer unserer Scheideanstalten direkt in Kontakt steht. Wir vertreiben die Anlagebarren in den üblichen Größen von 100 Gramm bis 5 Kilogramm. Da sind wir voll lieferfähig. Bei uns war zuletzt ohnehin vor allem Gold gefragt. Bei Silber gibt es nicht die geringsten Probleme. Wenn Sie 20 Tonnen Granalien brauchen, um diese vielleicht in Anlagebarren umzuschmelzen, dann wäre das schon eine erhebliche Menge. Die bekommen Sie aber ohne Probleme.

Kann ein Engpass wie im Winter 2008/2009 wieder vorkommen?
Das ist immer eine Frage, wie abrupt die Nachfragespitze kommt und wie intensiv sie ist. Rein theoretisch ist es nicht auszuschließen, dass es dann erneut zu Verzögerungen kommt. Es ist an dieser Stelle aber wichtig darauf hinzuweisen, dass dies kein Anzeichen für die Knappheit an Gold und Silber ist. Es liegt lediglich nicht in der gewünschten Form, nämlich nicht in den nachgefragten Anlagebarren vor. Es muss einfach erst einmal umgeschmolzen werden und wird dann auch ausgeliefert. Wenn Sie so wollen, dann ist das eine rein logistische Frage, nicht eine Frage der Verfügbarkeit des Rohstoffs an sich.

Zuletzt war von einer stark anziehenden Industrienachfrage bei Silber zu hören. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Auf der Industrieseite haben wir in den letzten Monaten schon eine massive Nachfragebelebung. Das muss man ganz klar sagen. Investmentbarren waren bei uns gar nicht so gefragt. Zum Teil natürlich auch, weil an dieser Stelle eher Münzen gekauft werden. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise und auch im ersten Halbjahr 2009 hatten wir noch eine langsame Nachfrage. Im zweiten Halbjahr und gerade auch in den letzten vier Monaten hat sich das noch einmal deutlich beschleunigt.

(Interview vom 3. Mai 2010)

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