Silbermarkt zwischen Boom und Engpass: „Niemand will Risiken eingehen“

Der Silbermarkt zeigt derzeit ein paradoxes Bild: viel Recyclingmaterial, aber zeitweise wenig verfügbares Metall. Philipp Reisert von der Scheideanstalt C.Hafner erläutert im Interview, warum Raffinerien an ihre Grenzen stoßen.

Philipp Reisert von der Scheideanstalt C.Hafner spricht über die angespannte Lage am Silbermarkt
Philipp Reisert, Co-Geschäftsführer der Scheideanstalt C.Hafner, beschreibt im Interview die derzeitige Lage am Silbermarkt.

Silbermarkt unter Spannung: Recycling-Boom bringt Raffinerien an ihre Grenzen

Seit Monaten berichten Händler und Raffinerien von ungewöhnlichen Spannungen am Silbermarkt. Große Mengen Altmaterial gelangen in den Recycling-Kreislauf, gleichzeitig kommt es entlang der Lieferketten immer wieder zu Engpässen beim verfügbaren Metall.

Im Goldreporter-Interview erläutert Dr. Philipp Reisert, Co-Geschäftsführer der Wimsheimer Scheideanstalt C.Hafner, wie sich diese Situation aus Sicht eines der traditionsreichsten deutschen Edelmetall-Recycler darstellt. Das Familienunternehmen, das mittlerweile in fünfter Generation geführt wird und im vergangenen Jahr sein 175-jähriges Bestehen feierte, berichtet von Rekordmengen im Recyclinggeschäft und ausgelasteten Kapazitäten.

„Wir gehen im Recycling-Material regelrecht unter.“

Herr Dr. Reiser, seit Monaten gibt es Spannungen und Engpässe auf dem Silbermarkt. Wie sind Sie von dieser Ausnahmesituation betroffen?

Vor rund 15 Jahren lag uns ein Angebot vor, unsere Recycling-Kapazitäten im Silberbereich auszubauen. Damals dachten wir: nie im Leben. Wir haben Silber nicht als besonders attraktives Produkt angesehen. Zudem ist der gesamte Recycling-Prozess für Silber relativ anspruchslos. Das galt lange als klassische „Old Economy“, in die kaum jemand investiert hat.

Heute haben wir die Situation, dass wir im Recycling-Material regelrecht untergehen und mit unseren Kapazitäten am Limit sind. Wir versuchen deshalb, Geschäft an andere Recycler weiterzugeben, etwa an Agosi, Aurubis oder Saxonia. Aber auch diese Unternehmen sind stark ausgelastet.

Wir hatten deshalb mehrere Wochen lang einen Annahmestopp für Silber-Recyclingmaterial, weil unsere Kapazitäten ausgeschöpft waren.

Im Edelmetallhandel wurde in den vergangenen Monaten sehr viel Silber angekauft. Welche Herausforderungen gibt es in der Zusammenarbeit mit diesen Anbietern?

„Niemand will Risiken eingehen.“

Die Händler wollen ihre Preise sofort fixieren. In dem Moment, in dem wir Preise fixieren, müssen wir gleichzeitig verkaufen. Denn wir spekulieren nicht. Hier stoßen wir auf eine ähnliche Problematik wie zuvor beim Gold: Es muss parallel Metall vorhanden sein, das wir verkaufen können.

Der Markt war in dieser Phase allerdings stark ausgetrocknet. Deshalb haben wir den Handel zeitweise eingestellt.

Goldbarren der Scheideanstalt C.Hafner aus Recycling-Gold – das Unternehmen produziert Barren aus aufbereitetem Edelmetall
Die Scheideanstalt C.Hafner hat ihren Stammsitz in Wimsheim: Die Produktionsstätte befindet sich in Pforzheim. Dort stellt das Familienunternehmen Goldbarren rein aus Recyclingmaterial her.

Wie läuft dieser Verkaufsprozess Ihrerseits ab?

Wir lagern Silber bei Banken und verkaufen es aus diesem Bestand. Allerdings benötigen wir das Metall physisch vor Ort – etwa in London bei HSBC und anderen Großbanken. Und genau dort kommt es mitunter zu Knappheiten.

Wie ist momentan die Verfügbarkeit von Silberprodukten?

Die Situation ist eigentlich paradox: Wir arbeiten an der Grenze unserer Recycling-Kapazitäten, trotzdem ist es schwierig, an Silber zu kommen. Niemand will Risiken eingehen, man spekuliert nicht.

„Der Boom wird irgendwann wieder vorbei sein.“




Haben Sie Personal aufgebaut? Wie begegnen Sie dieser Herausforderung?

Ja, für die operative Abwicklung der Mengen benötigen wir mehr Personal. Eine Ausweitung der Kapazitäten planen wir jedoch nicht. Denn irgendwann wird dieser Boom wieder vorbei sein.

Bei Gold stehen Sie seit 2014 auf der Good-Delivery-Liste der LBMA und sind damit zertifizierter Lieferant. Bei Silber ist das nicht der Fall. Warum?

Unsere Kernkompetenz liegt im Goldrecycling. Silber haben wir eher ergänzt, um unseren Kunden einen umfassenden Service anbieten zu können. Silber sehen wir nicht als generisches Geschäft. Es war für uns lange eher eine Randerscheinung.

Wir benötigen Silber auch kaum für unsere eigenen Produkte, deshalb hat es für uns nur eine geringe Bedeutung.

Wir hatten nie Probleme, das Silber zu verkaufen. In Pforzheim lief das meist ganz einfach über Granulat. Deshalb gab es auch nie die Ambition, den Weltmarkt zu bedienen – und entsprechend auch keinen Bedarf für den Good-Delivery-Standard.

Bei Gold ist das anders. Hier brauchen wir den Weltmarkt, ebenso bei Platin und Palladium.

Wenn wir zu viel Gold verfügbar haben und Halbzeug oder Konsumentenbarren gerade nicht absetzen können, produzieren wir Good-Delivery-Barren. Im großen Barrengeschäft, bei dem es um mehrere Tonnen geht, sind wir jedoch nicht aktiv.

Wir verarbeiten ausschließlich Recycling-Gold. Je nach Marktphase sind wir deshalb Nettokäufer oder Nettoverkäufer.

„Wir mussten mehrere Wochen lang einen Annahmestopp für Silber-Recyclingmaterial verhängen.“

Das heißt, aus dem Recyclingmaterial entsteht vor allem Granulat?

Ja, im Verarbeitungsprozess entsteht Granulat. Dieses verarbeiten wir jedoch intern zu Goldbarren, Halbzeugen und Komponenten. Wir beliefern keine Großhändler mit Granulat.

Wie ist die Lage im Goldbereich?

Das Geschäft ist nach wie vor sehr volumenstark. Wir mussten unsere Ankaufvolumina teilweise bewusst reduzieren, um den Zufluss etwas zu bremsen und den Flaschenhals zu verringern. Das hat allerdings nur bedingt funktioniert.

Die Händler haben selbst ein sehr starkes Kundengeschäft, und daran hat sich in den vergangenen Wochen kaum etwas geändert.

Der Höhepunkt war zur Zeit der World Money Fair Ende Januar. Damals haben wir den Handel erstmals für 48 Stunden eingestellt. Aufgrund des hohen Ankaufvolumens konnten wir weder weiteres Material annehmen noch handeln.

Welche Bedeutung hat das Ankaufgeschäft mit Edelmetallhändlern für Ihr Unternehmen?

Das ist für uns ein sehr großes Geschäft. Das Verrückte daran ist: Einerseits gibt es eine enorme Nachfrage nach Barren, gleichzeitig sehen wir eine sehr große Menge an Rückläufern. Es wird in allen Richtungen sehr viel Metall bewegt.

Herr Dr. Reisert, vielen Dank für das Gespräch.

Einordnung von Goldreporter: Die Aussagen aus der Recyclingbranche zeigen, wie stark der Silbermarkt derzeit in Bewegung ist. Hohe Handelsvolumina und eine vorsichtige Risikopolitik vieler Marktteilnehmer können zeitweise zu Engpässen führen – selbst bei steigenden Recyclingmengen. Im Edelmetall-Handel äußert sich das derzeit in höheren Spreads und Aufgeldern. Das heißt, auch im Retailgeschäft sind diese Risikoprämien deutlich sichtbar.

Mehr dazu: Gold kaufen – Wie man sicher und günstig Edelmetall erwirbt

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1 Kommentar

  1. Er schreibt, es wird sehr viel Gold, aber auch Silber bewegt, also hin und her verkauft.
    Das ist bei Aktienpapieren nicht anders, nur brauchen die nicht vorher verarbeitet werden und können bei Knappheit nachgedruckt werden, so das nötig wäre. Auch eine Lieferkette gibt es da nicht
    Sozusagen wird eben alles sehr viel hin und her bewegt,da es ja nicht vom Erdball fällt und es eben sehr viele bedürftige Menschen gibt. ( die welche Gold bedürfen, meine ich).
    Eine Kuh auf der Weide bedarf sicher kein Gold, aber auch keine Aktien, Bonds oder womöglich Bitcoins.
    Was bedeutet das für uns Goldbedürftige:
    Der Markt wird grösser, auch bei Silber ind deshalb immer schwieriger Manipulierbar. Auch gut.
    Denn, wie er schon sagt, wir spekulieren nicht.
    Wir holen es uns, wenn wir es bedürfen und stossen es ab, wenn wir es nicht mehr benötigen sollten.
    So ist das mit der Bedarfsgemeinschaft der Goldanleger.

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