Dienstag,06.Dezember 2022
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Die inflationsgebundenen Anleihen fliegen uns um die Ohren

Inflation, Euro, Frankreich (Foto: Goldreporter)Der vorherrschenden Überzeugung zufolge lassen sich die Schulden doch mit einer guten Inflationswelle auslöschen. Dem ist wohl nicht so?

Von Philippe Herlin

Zinskosten des Staates

„Wie die Inflation die Zinskosten des Staates explodieren lässt“ titelt Les Echos am 30. Juni. Schau an. Der vorherrschenden Überzeugung zufolge lassen sich die Schulden doch mit einer guten Inflationswelle auslöschen. Dem ist wohl nicht so?

Staaten leihen zu Festzinsen Geld, was eine echte Sicherheit bietet, da sie jedes Jahr im Voraus wissen, welche Zinsen sie zahlen müssen und diese im Falle einer inflationären Episode mit entwertetem Geld begleichen. Außer in Frankreich, und in einigen anderen europäischen Staaten, wo ein kleines Genie im Finanzministerium die Idee hatte, inflationsindexierte Anleihen auszugeben. Warum? Um zum Zeitpunkt der Emission ein paar Prozent zu sparen. Investoren, die von einem zusätzlichen Service profitieren (Schutz gegen Preissteigerungen), erhalten einen geringeren Zinssatz. Die Idee wurde bei der Einführung des Euros umgesetzt und man dachte damals im Finanzministerium offenbar, dass die Inflation von nun an der Vergangenheit angehören würde. Eine kleine Ersparnis zu einem großen Risiko

Inflationsgebundene Anleihen

Wir waren die ersten, die schon vor vier Jahren, im April 2018, auf diese Gefahr hinwiesen: „Frankreich gibt 10 % seiner Schulden als inflationsgebundene Anleihen aus: Falls die Preise außer Kontrolle geraten, ist der Ruin vorprogrammiert“. Damals hatte die Agence France Trésor, die die französischen Schulden verwaltet, stolz die Platzierung einer Inflationsanleihe mit einer Laufzeit von 18 Jahren verkündet. Das Finanzministerium wettete also darauf, dass die Preise 18 Jahre lang brav auf Kurs bleiben würden, bis zum Jahr 2035. Und dabei sind wir noch nicht einmal selbst Meister unseres Schicksals, denn es handelte sich nicht um die Inflationsrate Frankreichs, sondern um die der Eurozone.

Rückkehr der Inflation

Mit der Rückkehr der Inflation ist der Schaden nun unabwendbar. Les Echos schreibt: „Das Finanzministerium rechnet mit einem Anstieg der Schuldenkosten um 17 Milliarden €, davon 15 Milliarden aufgrund der inflationsindexierten Anleihen.“ Man muss sich die Abwegigkeit der Situation vor Augen halten: 90 % der französischen Schuldverschreibungen (ausgegeben zu Festzinsen) verursachen aufgrund der Inflation einen Kostenanstieg von 2 Milliarden € (weil fällige Kredite verlängert werden müssen), während die restlichen 10 % (mit variablen Zinsen) 15 Milliarden € an Mehrkosten verursachen. Diese 10 % (mit einem Gegenwert von 250 Milliarden €) sind 67,5-mal teurer (15/2 x 9)! Die Gesamtkosten für den Schuldendienst erhöhen sich 2022 damit von 25 auf 42 Milliarden €.

Gefahr der Staatspleite

15 Milliarden € zusätzlich, von einem Jahr zum nächsten… das bedeutet, dass der Haushalt für 2022 noch einmal von Grund auf geprüft werden muss. Wenn die Inflation noch einige Jahre lang ansteigt (das ist unser Szenario), wird es schwer, eine Staatspleite Frankreichs zu vermeiden. Die 15 Milliarden € stellen zudem eine Schätzung dar, die auf einer Inflationsrate von 6 % basiert, welche in der Eurozone bereits übertroffen wurde – und in Frankreich auch bald.

Am unverständlichsten ist, dass das Finanzministerium diese Anleihen weiterhin ausgibt, obwohl die Inflation nun nicht mehr übersehbare Realität geworden ist. Wäre es nicht an der Zeit, die Emissionen einzustellen? Wir haben das bereits im Februar angeprangert, nachdem die Agence France Trésor eine inflationsgeschützte Anleihe mit einer Laufzeit von 31 Jahren ausgegeben hat. Frankreich ist damit bis 2053 dem Inflationsrisiko der Eurozone ausgesetzt. Die jüngste Emission fand am 16. Juni statt, wobei es sich um eine an die Inflation in Frankreich gekoppelte Anleihe und zwei an die Inflation in Europa gekoppelte Anleihen mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Milliarden € und Laufzeiten bis 2027, 2036 und 2040 handelte.

Wahnsinn stoppen

Warum dieser selbstmörderische Starrsinn? Stellen wir eine These auf: Frankreich ist gezwungen, dies für die Käufer seiner Schuldverschreibungen zu tun. Versetzen wir uns in die Lage der Investoren, die französische Anleihen zu Festzinsen gekauft haben, und zudem 10 % zu variablen Zinsen. Mit der Rückkehr der Inflation minimieren sie ihre Verluste und die Inflationsanleihen füllen ihre Geldbeutel. Wenn der Staat ankündigen würde, dass er diese für die Investoren sehr rentablen Produkte nicht mehr anbietet, würden sie sich auch aus den festverzinslichen Anleihen zurückziehen und Frankreich sähe sich mit einer Staatspleite konfrontiert, wie Griechenland 2011.

In jedem Fall muss dieser Wahnsinn gestoppt werden, der das Land geradewegs in den Bankrott führt.

Quelle: GoldBroker.com

Philippe Herlin ist ein Finanzanalyst und Doktor für Wirtschaftswissenschaften beim Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris. Als Befürworter von Risikotheorien, wie sie von Vordenkern wie Benoît Mandelbrot und Nassim Taleb entwickelt wurden, und als Verfechter der Österreichischen Wirtschaftsschule wird er seine Ansichten zur aktuellen Krise, zur Eurozone, zur Staatsverschuldung und zum Bankensystem einbringen. Nachdem er bereits ein Buch zum Thema Gold geschrieben hat, welches heute ein Standardwerk der Branche ist („L’or, un placement d’avenir“, Eyrolles 2012), hofft er, dass das Edelmetall in unserer Wirtschaft künftig wieder eine bedeutendere Rolle einnehmen wird, bis hin zur vollständigen Monetarisierung.

Hinweis: Meinungen oder Empfehlungen im Rahmen von Gastbeiträgen geben die Einschätzung des jeweiligen Verfassers wieder und stellen nicht notwendigerweise die Meinung von Goldreporter dar.

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2 Kommentare

  1. Ein Staat kann das benötigte Geld, auch für diese Art von Anleihen, jederzeit selbst drucken. Damit beschleunigt man die Inflation, wie es in Frankreich seit jeher gute Sitte war.
    Ein Franzose geht mit 58 in Rente, ein Deutscher soll bis 70 oder gar 75 arbeiten. Jedem Tierchen sein Plesierchen.

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